H95 Raum für Kultur

KONZERT VON DER STRUKTUR ZUR KONTEMPLATION

Am Rand des Himmels

Freitag, 6. November 2026, 20:00

H95 Raum für Kultur, Türöffnung 19:00, Eintritt - Beitrag nach Möglichkeit, Richtsatz CHF 20.- bis 60.- (nur Bargeld)

VON DER STRUKTUR ZUR KONTEMPLATION

Jouska String Quartet

  • Emilia Jarocka, 1. Violine

  • Sofía Fasla-Prolat, 2. Violine

  • Marina Prat Mir, Viola

  • Kiril Fasla-Prolat, Violoncello

PROGRAMM

Joseph Haydn (1732-1809)

Streichquartett G-Dur op. 77 Nr. 1, Hob. III:81

  • I. Allegro moderato

  • II. Adagio

  • III. Menuetto. Presto - Trio

  • IV. Finale. Presto

Maurice Ravel (1875-1937)

Streichquartett F-Dur, M. 35 (1902-1903)

  • I. Allegro moderato - Très doux

  • II. Assez vif - Très rythmé Ill. Très lent IV. Vif et agité

Josep Maria Guix (1967)

  • Tres haikus para cuarteto de cuerda (2016)

Dieses Programm schlägt vor allem drei Formen des Hörens vor. Ausgangspunkt ist die Struktur: die formale Klarheit, das Gleichgewicht und Haydns außergewöhnliche Fähigkeit, vier Stimmen in einen lebendigen musikalischen Organismus zu verwandeln. Bei Ravel wird diese Architektur zu einem Raum aus Klangfarben, Farben und Texturen. Schließlich verdichtet und verfeinert sich der Klang bei Josep Maria Guix, bis er uns zu einem intimeren, stilleren und kontemplativeren Hören führt.

In Joseph Haydns Streichquartett op. 77 Nr. 1, das zur letzten Phase seines Quartettschaffens gehört, begegnen wir einer Musik, in der die Form die Grundlage des Ausdrucks bildet. Haydn führt die klassische Tradition zu einem außergewöhnlichen Grad der Reife: Phrasen, Motive, Modulationen und der Dialog zwischen den Stimmen stehen in einem so präzisen Zusammenhang, dass die innere Architektur des Werkes unmittelbar erfahrbar wird.

Doch diese Struktur wirkt niemals kalt oder statisch. Im Gegenteil: Sie ist ständig von Spiel, Überraschung und der Interaktion zwischen den Instrumenten belebt. Jede Stimme hört auf die anderen, greift deren Gedanken auf, führt sie weiter oder verwandelt sie. So wird das Quartett zu einem Gespräch, in dem die Form keine von außen auferlegte Struktur ist, sondern aus dem musikalischen Dialog selbst entsteht.

Haydn führt uns damit zu einer ersten Art des Hörens: die Beziehungen wahrzunehmen, die Entwicklung zu verfolgen und zu erkennen, wie aus einer Idee die nächste hervorgeht. Die Musik entfaltet sich in der Zeit, und unsere Wahrnehmung nimmt an dieser Konstruktion teil.

Mit Maurice Ravel verwandelt sich derselbe formale Raum grundlegend. Die Architektur bleibt präsent, doch unsere Aufmerksamkeit beginnt sich in das Innere des Klanges zu verlagern. Das Streichquartett in F-Dur besitzt weiterhin ein außerordentlich ausgeprägtes Formbewusstsein, doch das Material, aus dem diese Form geschaffen ist, wird ungleich reicher und komplexer.

Ravel macht aus dem Quartett ein wahres Laboratorium der Klangfarbe und Textur. Die vier Stimmen können als eigenständige Linien erscheinen, sich aber ebenso zu einer einzigen Klangfläche verbinden. Pizzicati, Flageoletts, extreme Register, unterschiedliche Artikulationen und instrumentale Kombinationen schaffen eine Palette von großer Feinheit. Die Musik scheint eine beinahe taktile Dimension anzunehmen: Wir können ihre Dichte, ihre Transparenz, ihre Leuchtkraft oder ihre Rauheit wahrnehmen.

Wenn bei Haydn die Frage zu lauten scheint, wie Musik konstruiert wird, so beginnt sie bei Ravel zu lauten: Wie klingt Musik? Die Form ist nun nicht mehr nur etwas, dem wir folgen, sondern auch etwas, das wir sinnlich wahrnehmen. Die musikalische Zeit schreitet voran, scheint sich aber bisweilen auch anzuhalten, damit wir in einem Akkord, einer Resonanz oder einer Klangfarbe verweilen können.

An diesem Punkt führt das Programm zu Josep Maria Guix und seinen Tres haikus para cuarteto. Bereits der Titel verweist auf eine Poetik der Konzentration. Das Haiku versucht nicht, eine ausführliche Erzählung zu entfalten, sondern eine Wahrnehmung festzuhalten: einen Augenblick, ein Bild, eine Gegenwart. Diese Kürze verlangt eine außerordentliche Präzision und macht jedes einzelne Element wesentlich.

In Guix’ Kompositionsweise erhält der Klang eine zarte, beinahe skulpturale Dimension. Der Komponist arbeitet mit der Klangmaterie wie jemand, der eine Oberfläche formt, und richtet seine Aufmerksamkeit auf deren Dichte, Resonanz, Transparenz und subtilste Veränderungen. Klänge müssen sich nicht anhäufen, um Intensität zu erzeugen; oft ist es gerade ihre Vereinzelung, ihre Zartheit oder ihre Beziehung zur Stille, die ihnen ihre Kraft verleiht.

Auch das Hören verändert sich erneut. Es geht nun nicht mehr allein darum, einer Struktur zu folgen oder sich von einem Klanguniversum umhüllen zu lassen, sondern darum, beim Klang zu verweilen, ihn zu betrachten und seine Resonanzen wahrzunehmen. Die Stille erhält eine aktive Präsenz, und die Zeit scheint sich auszudehnen. Jede Geste kann als eine Spur verstanden werden, als eine kleine, im Raum schwebende Form.

Der Verlauf des Programms schlägt eine allmähliche Verschiebung des Fokus unserer Wahrnehmung vor: von der Form zum Klang, vom Klang zum Raum und vom Raum zur Kontemplation. Haydn lädt uns ein, die Struktur zu hören; Ravel die Klangmaterie und die Farbe; Guix den Augenblick und die Stille. Von der Struktur zur Kontemplation ist letztlich eine Reise von einer Musik, die die Zeit organisiert, zu einer Musik, die uns einlädt, sie anzuhalten. Ein Weg, auf dem das Quartett von Architektur zu Materie und schließlich zu einem inneren Raum wird.